Keine Chance für Täter

Was Ihr selbst zu einem sicheren Arbeitsplatz beitragen könnt.

Wer die vorherigen Folgen dieser Kolumne gelesen hat, weiß schon eine ganze Menge darüber, wie man Übergriffen im Beruf durch verbales Kontern, vorbeugendes Verhalten und notfalls beherzte Gegenwehr begegnen kann. In dieser Folge gehen wir noch einen Schritt weiter. Wir wollen uns anschauen, wie jede/-r einzelne durch eine klare Haltung und ein paar Verhaltensprinzipien dazu beitragen kann, den Arbeitsplatz zu einem sicheren Ort für alle zu machen – und Übergriffe damit schon im Ansatz zu verhindern.


Ein wichtiger Schlüssel dazu ist die „Arbeitskultur“. Wo immer mehrere Menschen zusammenarbeiten, bildet sich im Laufe der Zeit aus dem Verhalten der einzelnen und den Reaktionen der anderen ein gewisser sozialer Konsens darüber heraus, was an diesem Arbeitsplatz als „normal“ angesehen wird und „wie man sich hier verhält“ – eine Arbeitskultur. An diesem Prozess sind alle Mitarbeiter beteiligt – vom obersten Chef bis zum jüngsten Azubi. Es zählt also das Verhalten jedes einzelnen, auch deines. Hier ist deine Chance, daran mitzuarbeiten, dass an deinem Arbeitsplatz erst gar keine Übergriffe aufkommen können!

 

Der erste Schritt hierbei muss immer sein, etwaiges Fehlverhalten sofort zu identifizieren und klar anzusprechen. Das beginnt schon im Kleinen, z.B. bei sexistischen Witzen oder diskriminierenden Sprüchen. Auch wenn kein Vertreter der diskriminierten Gruppe im Raum ist, sollten dennoch alle Anwesenden signalisieren, dass an eurem Arbeitsplatz kein Raum für solches Verhalten ist.

 

Wenn sich jemand fehlverhält, ohne dass die anderen dies mitbekommen haben, sollte das Opfer das Verhalten für die anderen sichtbar machen. Ein Beispiel. Sehr wirkungsvoll kann es sein, wenn man bei einem für die anderen unsichtbaren Fehlverhalten (z.B. die Hand deines Nachbarn auf deinem Bein unter dem Tisch), den Namen des Täters laut und deutlich mit Empörung ausspricht. Wenn nötig, kannst du auch noch laut kommentieren, was gerade passiert ist: „Herr Meier, nehmen sie die Hand von meinem Bein!“ Das stellt erstens unmissverständlich klar, dass du mit dem Verhalten nicht einverstanden bist und es nicht etwa als neckisches Geplänkel verstehst. Und zweitens stellt es den Anderen vor den Anwesenden bloß, so dass er es sich gut überlegen wird, sein Verhalten zu wiederholen.


Sichere Meetingkultur

 

Meetings sollten möglichst immer in professioneller Umgebung abgehalten werden, oder zumindest in Sicht- und/oder Hörweite von anderen Mitarbeitern. Nur in besonders vertraulichen Situationen (z.B. bei Mitarbeitergesprächen) sind Treffen unter 4 Augen gerechtfertigt. Zweier-Meetings in privaten, ungesicherten Umgebungen, wie z.B. persönlichen Hotelzimmern, solltest Du vermeiden.

 


Schutzmassnahmen einfordern

 

Wenn du neu an einem Arbeitsplatz bist, dann ist dies eine gute Gelegenheit, dich über die bereits bestehenden Schutzmaßnahmen zu informieren. Falls dir als Neuling potentiell gefährdende Umstände an deinem Arbeitsplatz auffallen (z.B. der unbeleuchtete Weg zum Parkplatz), dann zögere nicht, nachzufragen bzw. eine entsprechende Lösung einzufordern. Du traust dich nicht? Dann bedenke doch einfach mal, dass es sein könnte, dass der betreffende Missstand nur noch niemandem aufgefallen ist, weil es noch nie entsprechende Probleme gab. Wahrscheinlich wird man dir dankbar für den Hinweis sein, und die in der Folge getroffenen Maßnahmen werden allen KollegInnen zugute kommen.


Auch bei neuen Aktivitäten in deinem Arbeitsablauf schadet es nicht, sich anzugewöhnen, immer auch einen kritischen Blick auf den Sicherheitsaspekt zu legen. Nur wenn sich alle Kollegen der Problematik bewusst sind, kann das Thema an deinem Arbeitsplatz effizient umgesetzt werden. So könntet ihr zum Beispiel bei der Planung der nächsten Weihnachtsfeier mögliche Probleme von vorn herein umgehen, indem ihr bewusst nicht die coole Location bucht, die aber leider mitten im Rotlichtbezirk liegt. Oder aber einen entsprechenden Begleitservice einplanen.

 

Konsequente Beschwerdekultur

 

Zu einer bewussten Kultur in Bezug auf Übergriffe am Arbeitsplatz gehört auch ihre konsequente Ahndung. Wenn es trotz aller Maßnahmen doch zu einem schlimmen Übergriff gekommen ist, dann muss sichergestellt werden, dass auch eindeutige Konsequenzen gezogen werden.


Was du dazu beitragen kannst: Dokumentiere den Vorfall zunächst einmal ausführlich. Wer hat wann und wo was genau getan? Gibt es Zeugen? Wie waren die Umstände? Welche Belege kannst du beibringen? Eine solche Dokumentation wird dir im Übrigen auch helfen, etwaige zivilrechtliche Ansprüche (z.B. weil du dich gewehrt hast) erfolgreich abzuwehren.

 

Falls es zu einem massiven körperlichen Übergriff gekommen ist, z.B. durch nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen, dann solltest du zusätzlich einen Arzt aufsuchen. Nur durch geschultes medizinisches Personal können entsprechende physische Spuren (Verletzungen, Reste von Drogen oder KO-Tropfen im Blut) gesichert und dokumentiert werden.

 

Und dann: informiere dein Umfeld am Arbeitsplatz. Spreche mit Kollegen deines Vertrauens, aber unbedingt auch mit deinem und ggf. dem Vorgesetzen des Täters. Führungskräfte haben die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und sollten entsprechend geschult sein, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollten.

 

Informiere außerdem unbedingt die betriebliche Beschwerdestelle (die jeder Arbeitgeber zwingend einrichten und bekanntgeben muss). Im Zweifelsfall sollten auch der Betriebs- oder Personalrat oder die Personalabteilung angesprochen und in die Pflicht genommen werden. Mach dir bewusst, dass es bei all diesen Maßnahmen nicht nur um eine persönliche Genugtuung oder Wiedergutmachung geht, sondern auch um den zukünftigen Schutz von allen Mitarbeitern an deinem Arbeitsplatz. Missstände können vielfach nur dann ausgeräumt werden, wenn sie für den Verursacher empfindliche Konsequenzen haben.

 

Keine Sonderrechte für Vorgesetzte

 

Es sollte selbstverständlich sein, dass sich auch und gerade Vorgesetzte an soziale Normen und persönliche Grenzen halten sollten. Sie sollten entsprechend gleichermaßen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden wie alle anderen Mitarbeiter.

 

Du hast Bedenken, ob dir eine Beschwerde gegen deinen Chef persönliche Nachteile einbringen wird? Lass dich davon nicht abhalten! Notfalls kannst du die weitere Zusammenarbeit mit der entsprechenden Führungsperson verweigern. Dies kann dir in diesem Fall nicht als Arbeitsverweigerung zur Last gelegt werden.

 


Notfalls eskalieren

 

Wenn sich trotz deiner Beschwerden nichts am Fehlverhalten einer Person ändert und keine Maßnahmen zu deinem Schutz ergriffen wurden, dann hilft nur eines: Das Problem muss – wann irgend möglich in Zusammenarbeit mit Kollegen und den offiziellen Ansprechpartnern - eskaliert werden. Das heißt, die nächsthöhere Führungsperson muss informiert werden – notfalls bis zum CEO des gesamten Unternehmens.

 

Nur wenn ihr alle bei der Verfolgung von übergriffigem Verhalten zusammensteht und klar signalisiert, dass es bei euch nicht geduldet wird, dann wird sich diese Haltung an eurem Arbeitsplatz fest verankern. Ihr solltet dabei nicht zögern, alle Mittel auszuschöpfen. Denn der Schutz eurer Würde am Arbeitsplatz ist euer gesetzlich verbrieftes Recht - und die Schuldigkeit jedes Arbeitgebers.

 

Beispiele für gelebte Solidarität am Arbeitsplatz

 

Wenn man Zeuge einer Übergriffigkeit am Arbeitsplatz wird, sei es einer verbalen Entgleisung oder einer physischen Belästigung, dann sollte sich jeder Einzelne verpflichtet fühlen, mit den notwendigen Mitteln einzugreifen. Das gebietet schon die allgemeine, rechtlich verbriefte Verpflichtung zur Hilfeleistung. Wenn alle Anwesenden in einer Übergriffssituation zusammenstehen, kann sich ein einzelner Täter nicht durchsetzen.


Wenn es erste unangenehme Vorfälle am Arbeitsplatz gegeben hat, dann sollte man sich frühzeitig untereinander auszutauschen. Haben andere vielleicht auch schon einmal entsprechende Erfahrungen mit der betreffenden Person gemacht? In dem Fall könntet ihr weitere Schritte gemeinsam und mit entsprechend mehr Nachdruck unternehmen.


Außerdem könnt ihr auch zu einem sicheren Arbeitsklima beitragen, indem ihr gegenseitig aufeinander aufpasst und euch in möglicherweise gefahrenträchtige Situationen unterstützt. Bei Anfahrten in den frühen morgen- oder späten Abendstunden und zu unbelebten Orten könntet ihr z.B. Fahrgemeinschaften bilden. Oder ihr könnt auf Dienstreisen darauf achten, dass kein Kollege / keine Kollegin allein an einem unsicheren Ort zurückgelassen wird, und dass alle sicher in ihr Hotelzimmer gelangen.


 

Wer das Thema dieser Kolumne praktisch vertiefen will, ist herzlich in meinen „Mir mir nicht“-Workshops willkommen.

 

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